Wie steht es um das Lesen?

Die zeitweise heftige Diskussion um die Schädlichkeit neuer Medien in Bezug auf das Lesen ist etwas abgeflaut. Das ist gut so. Immerhin werden weiter Bücher in großer Zahl produziert und ausgeliefert, und das Internet mit den angeschlossenen Möglichkeiten ist als informierendes Medium aus Alltag, Geschäftsleben und Privatbereich nicht mehr wegzudenken. Die beiden Bereiche existieren ziemlich gut neben- und miteinander.
Aber wie steht es um das Lesen?
Das Lesen ist eine Kulturtechnik, über die wir nicht immer derart verfügen konnten, wie es heute in unseren Breiten gang und gäbe ist. Wir lernen es in der Schule, wir verwenden es ganz automatisch in den verschiedensten Situationen. Es ist uns so alltäglich geworden wie das Putzen der Nase, wie Kontoauszüge und Stromrechnungen. Und: Ohne Lesen geht eigentlich gar nichts!
Früher einmal gehörte die Lesefertigkeit zur geistlichen und gelehrten Bildung. Ja, sogar von den hehren Rittern in ihren glänzenden Rüstungen waren die wenigsten in dieser Sache sattelfest.
Das änderte sich erst, als ungefähr im 13. Jahrhundert der Handel aufblühte und die Kaufleute notwendigerweise in Schulen gesteckt wurden, um diese Kulturtechnik zu erlernen. Es ging ja ums Geschäft und keiner wollte sich übers Ohr hauen lassen, nur weil er die Lieferlisten nicht einwandfrei entziffern, sprich „lesen", konnte.
Wobei „lesen" nicht gleich „lesen" ist. Der Begriff bedeutet im Germanischen soviel wie „sammeln" - und das ist in manchen Bereichen sogar noch heute so. Wenn Sie etwa Trauben lesen, dann sammeln Sie.
Etwas differenzierter ist das Lesen im Sinne von „erkennen": Ich lese dir jeden etwas von den Augen ab. Einfacher ist da natürlich das Ablesen des Stromzählers.
Unbestritten ist jedoch, dass das Lesen die erste Kulturtechnik ist - jene Kulturtechnik, die die Voraussetzungen für viele Leistungen erst schafft. Nicht zuletzt deshalb ist das Erlernen dieser Kulturtechnik in den letzten Jahren wieder zum wichtigsten Schwerpunkt der Grundschulbildung eines Kindes geworden.
Angeblich werden ja an die sechzig Prozent Bücher, die in den Handel kommen und verkauft werden, gar nicht mehr gelesen. Sie schmücken, wenn’s stimmt, mit ihren bunten Buchrücken Wohnzimmerwände und stehen in Bibliotheken.
Dabei kann lesen glücklich machen. Das sagt zumindest eine Untersuchung aus den USA. Und zwar deshalb, weil es Mühe bereitet, so die Begründung der Wissenschaft. Diese Mühe bringt im Endergebnis meditative Konzentration, bringt das Zeitgefühl etwas durcheinander und dazu eine „Überwindung beengender Ich-Grenzen". Eine Art Leichtigkeitsgefühl, gepaart mit insgeheimer Freude, stellt sich ein.
Macht lesen etwa gar süchtig?
Möglicherweise! Es ist aber nicht anzunehmen, dass jetzt Extremsportarten und andere Modeerscheinungen gefährliche Konkurrenz durch das Lesen erhalten. Aber das angenehme Gefühl nach zufriedenem Schmökern ist, wie jeder Bücherwurm weiß, ein Faktum. Sichern Sie sich nur genügend Stoff, halten Sie sich stets einen gewissen Vorrat an diesen Glücksbringern daheim, die gemeinhin Buch genannt werden. Lesen Sie und erleben Sie „Abenteuer im Kopf"!
Übrigens: Der 23. April gilt als „Welttag des Buches".
Die Anregung dazu kam aus Spanien. Dort feierte man den 23. April schon seit den Zwanzigerjahren als „Tag der Bücher und der Rosen". Die Katalanen befanden, dass Bücher und Rosen am besten die hehren Begriffe Kultur und Schönheit verbinden können.
Ausgerechnet an diesem Tag, dem 23. April, gedenken wir auch des Todes von William Shakespeare (gestorben am 23.4.1616) und von Miguel de Cervantes Saavedra, dem Erfinder von „Don Quixote".
An diesem „Tag des Buches" beteiligen sich übrigens viele österreichische Buchhandlungen mit Veranstaltungen und Aktionen und bieten ausgewählte Bücher an.

Quelle: Journal zum Welttag des Buches

Elternfragen zum Thema "Lesen als wichtigste Grundfertigkeit"

Lesen ist ein grenzenloses Abenteuer der Kindheit. Es stärkt die Vorstellungskraft, ist ein Schlüssel zur Sprache, zum Denken, zum Lernen.
Kinder merken das und deshalb wollen die meisten gern lesen lernen. Sie brauchen dabei aber Hilfe.
Eltern sind die wichtigsten Partner und Unterstützer der Leseentwicklung ihrer Kinder. Das fängt lange vor der Schulzeit an und hört auch nicht auf, sobald die Kinder lesen können.
Je selbstverständlicher das Lesen zum Familienalltag gehört, desto mehr Chancen haben die Kinder, zu Lesern zu werden, denn Leser stecken Leser an.
Mein Kind will nicht lesen. Was habe ich
falsch gemacht?
Bleiben Sie geduldig. Eltern haben das Gefühl, es sei etwas schief gelaufen. Aber schon der Blick auf Geschwister lehrt, dass kein Kind ist wie das andere. Und Eltern sind nicht allmächtig. Es gibt „unerwartete Nichtleser", wie es „unerwartete Leser" gibt.
Für das Lesen ist doch
die Schule da! Sollen die Eltern Hilfslehrer spielen?
Nein, ganz und gar nicht. Denn die grundlegenden Leseerfahrungen machen Kinder schon in der Kleinkindzeit in der Familie. Wenn die Mutter oder der Vater Bilderbücher mit ihnen anschaut, lernen sie, dass die Welt hier „noch einmal da ist" – in symbolischer Darstellung. Darauf folgt das Geschichtenerzählen und danach das so wichtige Vorlesen. Damit ist ein Fundament gelegt für alle späteren Leseerfahrungen.
Wie findet man Freude am Vorlesen?
Gegen den Alltagsstress helfen Ruhezonen. Das Ritual des Vorlesens zu festen Zeiten (z.B. abends vor dem Einschlafen) werden auch Sie genießen! Vorlesen wird zu einer einzigartigen Situation, weil Sie auch die Gedanken und Gefühle Ihres Kindes kennen lernen.
Wenn aber mein Kind überhaupt nicht zuhört, sich gar nicht konzentrieren kann?
Haben Sie schon darauf geachtet, dass Sie Geschichten nicht nur herunterlesen? Bei schwierigeren Wörtern ist es besser, selbst zu erzählen, und auf jeden Fall sind Pausen wichtig, damit Fragen gestellt werden können. Versuchen Sie die Ereignisse in der Geschichte mit ähnlichen Erfahrungen im Leben Ihres Kindes zu verbinden. Und für die Erklärung der Illustrationen ist natürlich das Kind „Experte". Lesen sollte ein Gespräch sein, kein Monolog.
Mein Kind will nicht
selber lesen, weil es schön ist vorgelesen zu bekommen.
Sie sollten wissen, dass viele Kinder das Lesen benutzen um die Zuwendung ihrer Eltern zu erzwingen. Nicht-Lesen kann ein versteckter Protest sein. Oft ist es aber auch nur ein Zeichen dafür, dass das Kind nun viel Hilfe, viel Beachtung und viel Lob für seine Lesefortschritte braucht. Wie wär´s mit abwechselndem Vorlesen?
Unser Jüngster liest nur Comics – ein Medium für Analphabeten?
Comics können eine Brücke zum Lesen sein. Überhaupt brauchen Kinder, denen das Lesen noch Mühe macht, viele Bilder, eine lesbare Schrift und Text in kleinen Portionen. Auch Kinder- und Jugendzeitschriften können da interessant sein.
Warum kommt man mit „guten Büchern" bei Kinder oft so schlecht an?
Kinder müssen ihren Lesegeschmack entwickeln. Hier zählen nicht nur die Interessen der Eltern, auch die Freunde und Freundinnen spielen eine Rolle. Am besten ist ein gemischtes Angebot. Das Gefühl für Qualität kann sich nur am Unterschied ausbilden.
Sollte man Kinder von anderen Medien fernhalten?
Medien verdrängen sich nicht gegenseitig. Es kommt auf die richtige Mischung an. Es gibt viele Medienangebote, die – auch im Fernsehen oder im Computerbereich – Bücher verwerten und durchaus auch das Lesen fördern können.
Von welchem Alter an können Kinder Realität und Fiktion voneinander unterscheiden?
Als Faustregel kann gelten, dass sich diese Unterscheidungsfähigkeit ab dem Eintritt ins Volksschulalter zu entwickeln beginnt.
Entstehen durch häufiges Fernsehen falsche Vorstellungen von der Wirklichkeit?
Mangelndes Verstehen oder Missverstehen führen zu falschen Vorstellungen. Dies ist der Fall, wenn sich Kinder Sendungen anschauen, die nicht für ihr Alter bestimmt sind und sie deshalb überfordern. Vor allem bei Volksschulkindern entstehen Verwirrungen, wenn sie sich Erwachsenenprogramme anschauen.
Auch bei Unterhaltungssendungen ist man nicht vor falschen Vorstellungen gefeit. Selbst wenn man weiß, dass die Handlungen erfunden sind, bezieht man Informationen aus ihnen, z.B. Vorstellungen über Tiere (aus Tierserien), über Kriminalität und die Polizei (aus Krimis). So entstehen Fehleinschätzungen der Wirklichkeit.
Gibt es ähnliche Wirkungen bei Trickfilmen?
Gewisse Abläufe und Verhaltensmuster werden unabhängig von der Art der Darbietung gelernt – etwa die Vorstellung, dass der Stärkere Recht hat und sein Recht durchsetzen darf. Gewalt wird zudem in Trickfilmen oft als harmlos dargestellt, schwerst Verletzte stehen unmittelbar nach einem Unfall (oder einer Gewalthandlung) wieder frisch und munter auf! Auch die Werbung gaukelt uns eine Scheinwelt vor; für alle Probleme gibt es eine einfache Lösung – wenn man das richtige Produkt gekauft hat!
Was kann man tun, wenn sich beängstigende Bilder in der Vorstellung von Kindern festsetzen?
Über solche beunruhigende Filme zu sprechen, ist die wichtigste Phase der Aufarbeitung. Dann gilt es ähnliche Filmerlebnisse zu vermeiden.
Ist Fernsehen nicht
auch ein wertvolles Fenster zur Wirklichkeit?
Es handelt sich stets um eine ausgewählte und gestaltete Wirklichkeit. Deshalb lassen sich auch positive und lehrreiche Ausschnitte auswählen. So ergeben sich wertvolle Fremderfahrungen und eine wichtige Erweiterung von Kenntnissen und des Horizontes. Auch prosoziales Verhalten kann gefördert und das Mitgefühl für Mensch, Tier und Natur geweckt bzw. verstärkt werden.

Quelle: Buchklub-Elternmagazin

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